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DAS KINO DER ERLÖSUNG UND DIE „TERRA DI MEZZO“

Konjunkturabschwung, die Unsicherheit der Jugend, soziale Unruhe. Dies sind die Themen, die unsere Zeit bestimmen und mit denen das engagierte Kino sich auseinandersetzt, indem es Krisensituationen abbildet, aber auch Lösungsmöglichkeiten anbietet. Der Ausdruck „Terra di mezzo“ ist in den italienischen Medien, die soziale und politische Korruption anprangern, in Mode gekommen. Es ist die Definition für eine Zwischenwelt. Die „Terra di mezzo“ bezeichnet eine undefinierte Grauzone. Sie liegt zwischen einem „Darüber“, in dem die wichtigen Leute ihre Entscheidungen treffen, und einem „Darunter“, in dem diejenigen leben, die gezwungen sind, diese Entscheidungen zu ertragen und die versuchen, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu überleben. Und dazwischen befindet sich eben der Raum, in dem man „Dinger drehen“ kann, kriminelle Handlungen. Aber zum Glück ist es gleichzeitig auch ein Raum, in dem man nach einem besseren Leben, nach Erlösung streben und den Wunsch nach Veränderung zum Ausdruck bringen kann. Eine sehr schematische, aber effiziente Beschreibung (es ist kein Zufall, dass sie von einem Boss der Unterwelt erfunden wurde), mit der sich einige zeitgenössische Phänomene auf komplexe Weise analysieren lassen. Zufällig (aber wie man weiß, gibt es gar keine Zufälle) scheinen alle Filme von „Cinema! Italia!“ im Jahr 2016 in irgendeiner Form an diese „Terra di mezzo“ zu erinnern. An den Ort oder die Situation, wenn man nicht von der Stelle kommt, man sich aber an einem bestimmten Punkt entscheidet zu reagieren, ob unbewusst oder bewusst, und dem eigenen Leben eine Wende zu geben. Eine solche Entscheidung treffen die beiden Protagonistinnen in Per amor vostro und Lea, zwei Filme, in denen es um die „Terra di mezzo“ und ihre ganze dramatische Bedeutung geht.

Die Protagonistin in Giuseppe M. Gaudinos Per amor vostro ist eine Frau, die so sehr in ihren Pflichten als Mutter und Ehefrau gefangen ist, dass sie sich entschlossen hat, nichts mehr von dem zu sehen, was um sie herum geschieht. Auch wenn es sich dabei um verachtungswürdige und brutale Dinge handelt. Doch sie ist eine Frau, die sich trotz allem ihre Menschlichkeit bewahren konnte und die sich an einem gewissen Punkt entschließt, sie zum Ausdruck zu bringen. Die Protagonistin von Lea wiederum weiß genau, dass sie in einer kriminellen Familie lebt, die in einem Geflecht aus Übergriffen und Gewalt agiert. Lea Garofalo (eine Frau, die es wirklich gegeben hat) hat den Impuls zu reagieren, als sie realisiert, dass sie sich für ihre Tochter ein anderes Leben wünscht. Sie reagiert mit den einzigen Waffen, die sie hat: sie erstattet Anzeige gegen ihre Mafia-Familie und vertraut sich der Justiz an. Eine dramatische Entscheidung für ihr Leben.

In Latin Lover, Se Dio vuole und La stoffa dei sogni geht es ebenfalls um Familie, Geheimnisse und Missverständnisse, allerdings mit den – manchmal grotesken – Mitteln der Komödie. Im Mittelpunkt von Cristina Comencinis Latin Lover stehen di Feierlichkeiten zum zehnten Todestag eines großen italienischen Schauspielers. Für seine Liebsten und engsten Vertrauten könnte dies eine Gelegenheit sein, sich an ihn und seine Leistungen zu erinnern. Stattdessen wird die Veranstaltung schnell zu einem Schlachtfeld, auf dem jeder gegen jeden kämpft. Auch hier entsteht aus einer schmerzvollen Bewusstwerdung die Kraft, eine ehrlichere und leichter zu ertragende Zukunft zu gestalten. Cristina Comencini bestätigt sich mit diesem Film als eine Regisseurin mit der Fähigkeit, viele unterschiedliche Darsteller zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen.

Auch bei Se Dio vuole, Erstlingswerk von Edoardo Falcone und großer Erfolg der letzten Kinosaison, stehen die Themen Familie und Missverständnisse im Vordergrund. Der Protagonist ist ein Vater, der sich als Karrieretyp und Macho für seinen geliebten Sohnemann eine Zukunft voller Erfolge vorstellt. Aber die Lage verkompliziert sich: der Junge will Priester werden! Für den Vater ist es nicht leicht, es mit dem Glauben und der Macht Gottes aufzunehmen. Das Drehbuch des Films steckt voller Überraschungen, aber vor allem gelingt es ihm, Themen zu behandeln, die normalerweise in leichtgängigen Komödien mit ihren Stereotypen und Standardlösungen nicht zu finden sind.

Das Geheimnis, das Missverständnis, die Schwierigkeit, sich zwischen Wahrheit und Fiktion zu entwirren, bilden den Erzählstoff von Gianfranco Cabiddus La stoffa dei sogni. Der Film, der den Zauber eines Shakespeare-Stücks mit der Härte eines Gefängnisses auf einer abgelegenen Insel verbindet, behandelt sehr tiefsinnige Probleme. Die Überlebenden eines Schiffsbruchs, bestehend aus Theaterschauspielern und Sträflingen, vermischen sich und lassen sich nicht mehr auseinanderhalten. Es gibt nur eins: man muss sie ein Stück auf die Bühne bringen lassen und versuchen, auf diese Weise herauszufinden, „wer wer ist“. Aber wird das funktionieren?

Auch einer der meisterwarteten Filme der letzten Jahre, Non essere cattivo von Claudio Caligari, der kurz nach Abschluss der Dreharbeiten starb, bezieht sich auf die kulturelle und soziale „Terra di mezzo“. Ein in vielerlei Hinsicht extremer Film, zum einen wegen seines Themas und der Hoffnungslosigkeit, die er zu vermitteln scheint (aber Achtung, die Geschichte des Films spielt Mitte der 90er Jahre). Auch die von Pier Paolo Pasolini in den 60er Jahren geschaffenen Figuren (Accattone und Mamma Roma) kann man sicher in die die „Terra di mezzo“ einordnen. Damals erhob Pasolini Anklage gegen das, was er „kulturellen Genozid“ nannte: die globale Vereinheitlichung durch den Konsum, eine brutale Veränderung, die alle gleich zu machen schien, die Kinder des Proletariats und des Bürgertums. Wenn Pasolinis Figuren isoliert und außerhalb der Geschichte standen, sind Caligaris Jungen nun Teil der organisierten Kriminalität, Komplizen und Vollstrecker. Den einzigen Ausweg scheint im Film das Gefühl der Freundschaft zu bieten. Es ist nicht die Aufgabe des Kinos, die Probleme der Welt zu lösen. Aber wenn die Hinweise auf eine Krise sich mehren und Intoleranz und Angst die Übermacht zu gewinnen scheinen, dann ist es ein gutes Zeichen, dass es das anspruchsvolle Kino gibt und es weiterhin seine Rolle erfüllt.

Piero Spila